Stellungnahme zur aktuellen Missbrauchsstudie Januar 2022

Predigt von Pfarrer Michael Schüpferling am 22./23. Januar in St. Theresia und St. Kunigunde
nach der Veröffentlichung der Missbrauchsstudie im Erzbistum München und Freising am 20. Januar 2022
Was haben die Coronapandemie und der Missbrauchsskandal der Kirche gemeinsam? Nach jeder Welle hoffen wir, dass es endlich vorbei ist! Am Donnerstag wurde die Missbrauchsstudie für das Erzbistum München und Freising veröffentlicht, die sie selbst in Auftrag gegeben hat. Überrascht haben mich die Ergebnisse nicht, aber sie drücken mich nieder. Es macht mich zudem wütend, wenn es in ersten kirchlichen Stellungnahmen, die bis aus höchsten Kreisen kommen, heißt, man bete für die Opfer und möchte ihnen nahe sein. Worte aus dem Mund jener, deren Amtsbrüder und Mitarbeiter einst Kindern und Jugendlichen viel zu nahe gekommen sind. Wie kann man hier so unbedacht von Nähe sprechen? Hohn für die Opfer, die sich von den Verantwortlichen heute nicht Gebete wünschen, sondern Ehrlichkeit und Gerechtigkeit. Nichts gegen die Notwendigkeit und Kraft des Gebets, aber alles zu rechten Zeit und am rechten Platz, und nicht als billige Vertröstung statt hilfreiches Handeln. Erst wenn es die Verantwortlichen endlich schaffen, mutig eigene und fremde Schuld offen einzugestehen und sich bedingungslos hinter die Opfer stellen, wird ein Neuanfang möglich sein und das Vertrauen in unsere Kirche wieder wachsen.
Wovor müssen wir uns als Kirche eigentlich fürchten, und was haben wir zu verlieren, wenn wir darauf vertrauen, dass Jesus Christus auch in dieser beschämenden Situation bei uns ist und diesen steinigen Weg der Aufklärung und der Läuterung mit uns geht? Er hat uns doch zugesagt an allen Tagen bei uns zu sein und mit uns zu gehen. Diese Zusage gilt Opfern, aber auch den Tätern, sowie uns allen. Vertrauen wir darauf überhaupt noch, oder spielt Jesus gar keine Rolle mehr in dieser schwierigen Situation? Es wird Zeit sich mit der Kraft des Heiligen Geistes aus der lähmenden Ohnmacht zu erheben und den Geschädigten jene Aufmerksamkeit, Hilfe und Widergutmachung zuteilwerden zu lassen, die ihnen zusteht. Das Geschehene kann weder rückgängig gemacht noch vergessen werden, aber es kann so damit umgegangen werden, dass sich Opfern, aber auch Tätern, Türen zur Heilung und zur Versöhnung öffnen.
Ich wünsche mir, dass wir als Kirche wieder mehr zu einer Gemeinschaft werden, die als sinnstiftend, wegweisend und glaubwürdig wahrgenommen wird, auch und erst recht im Umgang mit Problemen und Krisen. Dafür lohnt es sich verhängnisvolle Machtstrukturen und das Denken in Geschlechterrollen aufzubrechen, sowie auf überkommene Privilegien und belastenden Besitz zu verzichten. Mitte unseres persönlichen Glaubens und unseres Kircheseins ist und bleibt doch Jesus Christus und sein Evangelium, das ist unser größter Schatz, den es zu bewahren gilt. (Evangelium von heute, Lk 4, 14.21: Den Armen eine Frohe Botschaft bringen, den Gefangenen Freiheit, den Blinden das Licht, den Zerschlagenen die Freiheit … Wann wird das „Gnadenjahr“ erreicht sein, wann werden wir aufatmen können, weil etwas Gutes erreicht worden ist?) Maßstab ist und bleibt unsere gelebte Gottes- und Nächstenliebe, an der die Jüngerinnen und Jünger Jesu auch heute zu erkennen sein müssen.
Der Missbrauchsskandal wird noch so manche hohe Wellen schlagen, wohl Corona überdauern, aber wir können als Kirche und auch als Einzelne aus dem Versagen und den Fehlern nachhaltig lernen und uns ehrlichen Herzens und mit ganzer Bereitschaft darum bemühen, es künftig gemeinsam besser zu machen. Gottlob haben wir vor einigen Jahren in unserem Erzbistum damit begonnen durch spezielle Schulungen für Haupt- und Ehrenamtliche und alle unsere Angestellten eine „Kultur der Achtsamkeit“ aufzubauen. Im Lauf dieses Jahres sollen die Verantwortlichen in den einzelnen Gemeinden ein für sie passendes und verbindliches Präventionskonzept erstellen, damit im kirchlichen Leben vor Ort mehr als bisher beachtet und gefördert wird, was der Würde unseres Menschseins entspricht, und nicht erneut das passiert, was nicht passieren darf. Als Kirche tun wir gut daran, hier eine Vorbildrolle einzunehmen, um den Aufbau der „Kultur der Achtsamkeit“ zum Wohle unserer gesamten Gesellschaft zu fördern. Vor allem die Schutzbedürftigen, die sich oftmals nicht selbst wehren können, haben ein Recht auf unsere Unterstützung und unsere Stimme. Wir alle können unseren Beitrag leisten für diese „Kultur der Achtsamkeit“.
Bei aller persönlichen Betrübnis und Sorge ermutigt mich ein Bild des Osnabrücker Bischofs Franz-Josef Bode in seiner Silvesterpredigt 2020. Mit eigenen Worten ausgedrückt: Ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass es uns gelingt aus dem Trümmerhaufen Kirche etwas Neues zu errichten. Wir werden das Gute, das es nach wie vor gibt, nehmen und als bereits vorhandene Bausteine verwenden, und wir werden auch Neues entwickeln und hinzunehmen, um eine Kirche wiederaufzurichten, in der viele Menschen Geborgenheit und Heimat erleben und dem dreifaltigen Gott nahe kommen können. Dafür lohnt es sich zu beten und zu arbeiten.
[22./23. Januar 2022, 18/11 Uhr St. Theresia, 9.30 Uhr Uttenreuth, Pfarrer Michael Schüpferling]